Hüftgelenksnahe Frakturen des älteren Menschen
Hüftgelenksnahe Frakturen des älteren Menschen
Jedes Jahr müssen mehr als 200.000 Stolperstürze mit der Folge einer Fraktur der Hüfte oder des
hüftgelenksnahen Oberschenkels stationär behandelt werden, eine große Anzahl davon auch in
der chirurgischen Abteilung im St. Josef Krankenhaus in Viernheim.
Für die älteren Menschen stellen die hüftgelenksnahen Brüche eine ernst zu nehmende
Bedrohung dar. Rund 30 Prozent aller Patienten werden nach dem gefürchteten
Oberschenkelhalsbruch zum Pflegefall oder tragen starke Einschränkungen in ihrer
Beweglichkeit davon, die häufig eine Einweisung in Alten- und Pflegeheime, eine erhöhte
Pflegebedürftigkeit und ein Verlust an Lebensqualität verursachen.
Nicht einmal zwei Drittel aller Patienten können nach der operativen Versorgung der Fraktur
langfristig wieder in ihre gewohnte häusliche Umgebung zurückkehren.
Diese Zahlen machen deutlich, wie schwerwiegend eine Hüftfraktur in das Leben dieser
Menschen eingreift.
Vor der sturzbedingten Fraktur konnten drei Viertel der Patienten ohne Hilfsmittel selbstständig
gehen, nach der Fraktur nur noch 15%. Hüftgelenksnahe Frakturen haben in der BRD eine
Sterblichkeit in der Zeit während und nach der Operation von über 10%
Das Risiko, während ihres Lebens eine hüftgelenksnahe Fraktur zu erleiden beträgt bei einer 75-
jährigen Frau etwa 20 %, das eines gleich alten Mannes dagegen liegt ungefähr bei 9 %.
Etwa ein Drittel der über 65-jährigen stürzen mindestens einmal im Jahr. Die Rate steigt mit
zunehmendem Alter weiter an, so liegt sie bei den 80 - 89-jährigen bei 40-50% und bei den 90 -
99-jährigen deutlich über der Hälfte. Frauen stürzen häufiger als Männer, 60-70% der Gestürzten
stürzen innerhalb der folgenden 12 Monate erneut. Einer unter fünf bis zehn Stürzen älterer
Menschen hat Verletzungen zur Folge, einer unter zwanzig bis dreißig Stürzen führt zu einer
Fraktur, etwa jeder hundertste Sturz führt zu einer hüftgelenksnahen Fraktur.
Entscheidend sind auch die äußeren Lebensbedingungen. Zu 21 Prozent sind von
Femurkopffrakturen Heimbewohner betroffen.
Neben den körperlichen Folgen eines Sturzes leiden bis zu 70% der älteren Gestürzten unter
Angst vor weiteren Stürzen, mit der Folge, dass das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten
schwindet, weshalb die Alltagsaktivitäten eingeschränkt werden und daraus folgend ein
Teufelskreis mit weiterem Abbau von Fähigkeiten und sozialen Kontakten resultiert.
Ursache
Der größte Teil der Stürze älterer Menschen ist jedoch nicht Folge einer einzelnen Krankheit
oder eines Funktionsdefizits, meist sind Stürze multifaktoriell bedingt.
So stellt bei nachlassender Sehkraft, zunehmender Gangunsicherheit nicht selten bereits eine
kleine Falte im Teppich eine unüberwindliche Stolperfalle dar, die dann einen Sturz auslöst, oder
wie oft erlebt, der Gang im Winter nach draußen, nachzusehen, ob es glatt ist, was dann
ausrutschend und hinfallend am eigenen Leib schmerzlich verspürt wird.
Ebenso häufig sind jedoch auch Stürze aus innerer Ursache, wie Kreislaufschwäche,
Herzrhythmusstörungen, Durchblutungsstörungen des Gehirns (TIA), Schwindel, Nebenwirkung
von Beruhigungsmitteln, als Ursache von Verletzungen zu finden.
Besonders die osteoporotische Veränderung des Knochens, unter deren Folgen in Deutschland
fünf bis sieben Millionen Menschen leiden, lässt beim älteren Menschen schon bei einer
eigentlich leichten Stoß- oder Sturzbelastung den Knochen brechen, wo ein gesunder Mensch
keinerlei Schaden davontragen würde.
Versorgung
Ist nun ein solch tragischer Unglücksfall eingetreten, gilt es, so bald als möglich, die Folgen des
Sturzes wieder zu beheben. Ein hüftgelenksnaher Bruch war früher, ohne die Möglichkeit einer
Operation, für den Menschen gleichbedeutend mit langer Bettlägerigkeit, oft verbunden mit der
Gefahr der Lungenentzündung oder Embolie, was in vielen Fällen den Tod bedeutete.
Heute stehen uns hingegen viele unfallchirurgische Techniken zur Verfügung, die eine schnelle
Wiederherstellung der Unversehrtheit des Körpers und damit der Mobilität des Patienten
ermöglichen.
Bei leichteren bis mittelschweren Frakturen ist dabei heute nicht immer der Einsatz einer
Endoprothese erforderlich.
Gering dislozierte Brüche – das bedeutet, dass die einzelnen Bruchenden nicht oder allenfalls nur
mäßig räumlich gegeneinander verschoben sind, können nicht selten operativ so stabilisiert
werden, dass eine vollkommene Ausheilung und damit Wiederherstellung der Lebensqualität
möglich ist.
Wurden die Brüche früher durch Verfahren wie der Endernagelung (hier werden 3-4 lange
Stahldrähte von der Knieinnenseite durch den Oberschenkelknochen bis in den Hüftkopf
vorgeschoben), dem Laschen-Nagel und der Hüftendoprothese versorgt, stehen uns heute , auch
hier in Viernheim, alle modernen Methoden wie der Gamma-Nagel, der ypsilonförmig den
Knochen von innen schient, die dynamische Hüftschraube (DHS), die Duokopfprothese und die
zementfreie oder zementierte Hüftendoprothese mit deutlich weniger Komplikationen im
Vergleich zu den früheren Methoden zur Verfügung.
Alle diese Operationsverfahren versetzen uns in die Lage, die Patienten bereits am Tage nach der
Operation wieder an die Bettkante zu mobilisieren und wenn möglich, auch die ersten Schritte
versuchen zu lassen. Durch die zeitnahe Versorgung und die Frühmobilisation werden so die
gefürchteten Komplikationen wie Lungenembolien und Pneumonien sowie die
Dekubitalgeschwüre durch Aufliegen weitgehend vermieden.
Nach Abschluss der Wundheilung soll durch die anschließende Behandlung in einer Reha-Klinik
die Wiedereingliederung des Patienten in sein gewohntes Umfeld ermöglicht werden.
Sturzvermeidung/Schutz
Besser es gar nicht erst nicht zu einem Sturz kommen lassen.
Hierzu sollte eine kritische Betrachtung des Umfeldes älterer Menschen erfolgen, um durch die
Vermeidung von Stolperfallen wie glatten Böden, losen Teppichen oder Verlängerungskabeln,
durch ausreichende Beleuchtung besonders auch nachts auf dem Weg zur Toilette (nicht mit
Licht sparen), richtiges festes Schuhwerk, nicht die beliebten bequemen Hausschlappen Stürze
von vorneherein zu vermeiden. Durch adäquate medikamentöse Therapie Reduzierung des
Risikos der inneren Sturzursachen, Prävention der Osteoporose, dass nicht jeder Sturz gleich zur
Katastrophe wird.
Eine weitere Möglichkeit ist der Schutz des Patienten selbst. Menschen, die bereits ein
Sturzereignis hatten, könnten durch den Einsatz von Hüftprotektoren, die den gefährdeten
Bereich in Höhe des Beckens und des Oberschenkelansatzes wie ein Schutzschild umgeben, vor
Verletzungen geschützt werden.
Im Falle eines Sturzes leiten sie die Wucht des Aufpralls wie ein Sturzhelm gleichmäßig zu den
Seiten ab, so dass es nicht zum Bruch kommen kann, das Hüftfrakturrisiko wird um fast 90
Prozent gesenkt, auch bei fortgeschrittener Osteoporose.
Prävention ist besser als Operation!
Dr. med. Hartwig Denkel
Facharzt für Chirurgie